Dies ist die Wiedergabe einer Fotoserie, die als Fotobuch 20×20 konzipiert ist. Wiedergegeben ist jeweils eine Doppelseite des Buches.

Wege 
zu 
Pandemiezeiten
 oder 

die Wiederentdeckung des Spaziergangs

Vorwort  

Die hier gezeigten Bilder sind in der Zeit vom Spätsommer 2020 bis ins Frühjahr 2021 entstanden.

Nachdem ich Mitte des Jahres 2020 in den Ruhestand gegangen war, ergab sich für mich die Notwendigkeit, meinem Tag wieder Struktur zu geben.

Auf (fast) täglichen Rundgängen in der näheren Umgebung

– die Pandemie hat den Radius begrenzt,

– die Knie haben sportlichere Aktivitäten verhindert –

 mußte ich immer wieder das Smartphone herausholen,

um Situationen und Eindrücke auf dem Weg festzuhalten

– und das nicht nur, um eine Notiz für ein späteres “richtiges” Foto zu machen.

Erst im Laufe der Zeit kam die Idee hinzu, die Bilder in einem kleinen Buch zu “verwerten”.

Glücklicherweise hat sich eine guter Fotofreund – Constantin – dazu bereit erklärt, die Bilder zu kommentieren. Seine Unterstützung bei der Bildauswahl war ebenso hilfreich.

Ich bin sehr dankbar dafür und denke, dass das Ganze erst so “rund” geworden ist. 

Aachen, im Mai 2021 
Lothar Dobslaff 

 
 
 

Texte: Constantin Klein 

Bilder: Lothar Dobslaff

Die Wiederentdeckung des Spaziergangs 

Wohl kaum ein Übergang wird so überschwänglich herbei gejubelt, wie das stets „wohlverdiente“ Verlassen der Arbeitswelt. 
Es weiten sich die Möglichkeiten, es sprießen die Ideen, langgehegte Wünsche werden wahr. 

Es ist endlich Frühling. 
Nur dem Körper hat das keiner gesagt, jedenfalls nicht meinem. 

Er sagt es mir. 
Ihm ist häufiger eigentlich mehr nach Herbst, und der Winter guckt auch schon um die Ecke. 

Dann ist soweit. 
Ich gehöre zu den Ehemaligen. 
Zu denen mit den unbegrenzten neuen Möglichkeiten. 

Und los geht’s!
Gut, eine unvermutete Lästigkeit bremst die neuentdeckte Lässigkeit:  
Eine kleine gesundheitliche Abweichung – Corona – wirft in diesem ersten Jahr die schönsten Pläne über den Haufen. 

Und nun? 

 

Neue Pläne müssen her, die zugesperrte weitere Welt richtet den Blick aufs zugängliche Nahgrün ein paar Strassen weiter.  

Man könnte ja mal.  

Und dem Körper wird es auch gut tun, an der frischen Luft. 

Am besten regelmässig.  

Neue Ideen vielleicht?  

Träume gehen ja nie in Rente, was zugleich heißt, daß man welche hat. Kafka hat einmal angemerkt, daß jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, nie alt werden wird.  

Diese Aussichten haben mich dazu veranlaßt, in den letzten Monaten sehr regelmässig eine im wesentlichen gleichbleibende Gehstrecke an meinem Wohnort abzulaufen.  Etwas zum Fotografieren mußte immer dabei sein, aus praktischen Gründen das Smartphone.   

Ich habe mir vorgenommen, meine Eindrücke aufzunehmen und zu sammeln. Neues zu entdecken, der Natur näher zu kommen, mir selbst etwas Gutes zu tun.  Nachzudenken.  

Unzählige Aufnahmen sind so zusammengekommen, zwischen Sommer und Winter. Das Wetter mal so, mal anders, allmählich welkte der Wegesrand vor sich hin, der erste Schnee. 

Mein Weg wurde mir schnell zu einer täglichen Gewohnheit. Und je vertrauter er mir wurde, desto mehr habe ich die Unterschiede wahrnehmen können: das unterschiedliche Licht, der wechselnde Himmel, sich verfärbende Blätter, vereistes Laub. Die einsame Bank, die merkwürdiger Weise immer ein bißchen anders einsam wirkte.   

Und noch etwas ist mir schon bald aufgefallen.

Die Einsamkeit des stillen Spaziergängers, der immer nur aus einiger Entfernung einzelne andere Dahingehende, -laufende oder -fahrende entdeckt. 

Nie ein Kontakt, kein Gespräch, vielleicht einmal ein freundliches Nicken aus einiger Entfernung. 

Vereinzelte auf der Flucht vor der Ansteckung, Ängstliche voll Vorsicht gegenüber dem, was da entgegenkommt.

Eine ganz sonderbare neue Erfahrung, unerwünscht, der man sich weder entziehen konnte, noch die Möglichkeit der aktiven Veränderung hatte. 

Wie wird das später einmal sein, wenn wir mit dieser Erkrankung besser umgehen können? Wieviel Mißtrauen wird man sich angewöhnt haben, wieviel wird bleiben?

Diese kleine Sammlung zeigt einige Natureindrücke aus dieser Zeit. Ein paar kurze Begleittexte und Zitate erinnern mich an meine Gedanken und Empfindungen. 

Und so merkwürdig es vielleicht klingen mag, ich habe diese beschränkte Zeit als Gewinn, als Bereicherung erlebt. Mein kleiner Weg hat mir jeden Tag etwas Neues gezeigt und meinen Gedanken öfters einen anderen Sinn eingegeben. 

Bestärkt wurde ich in meiner Ansicht, dass das Schöne immer wieder im Unscheinbaren, dem Übersehenen zu entdecken ist, und dass es sich lohnt, immer wieder – täglich – danach zu suchen. 

Nicht nur auf dem Spazierweg. 

Diese Mühle, der regelmässige Startpunkt,  wurde 1452 erstmals in amtlichen Unterlagen erwähnt und hieß seinerzeit    

Mühle von Überhaaren.    

Heute heißt sie „Welsche Mühle“ nach einem Besitzer 1780 mit französischsprachigem Hintergrund, der ‚der Welsch‘ genannt wurde.    

Sie war von den vielen Aachener Mühlen die letzte, die bis 1961 in Betrieb blieb.

 

Herbstliches Laub,

Ankündigung des Winters

… mit Schnee sogar bei uns.   

Wie immer verwandelt er die Landschaft und in der Verhüllung liegt ein besonderer Zauber.     

Auch auf mich ist schon Schnee gefallen und hat manches verdeckt – was in meinem Sinne ist. Wie tröstlich, dass Verhüllung immer auch Verlockung ist und man wissen möchte, wie es weiter geht.   

Und ohne Neugier, geht gar nichts mehr.

 

Also: Auf geht’s! 

Wie seit jeher fließt der Haarbach am Rand von Haaren dahin.

In einem kurzen Abschnitt darf er naturnah fließen. Wenn man das Bächlein sieht, kann man sich gar nicht vorstellen, dass auf seinen (Hoch-)Wassern am Markt Boot gefahren werden konnte. 

Aber das hat man ihm abgewöhnt.

Wo kämen wir hin, 

wenn alle sagten, 

wo kämen wir hin, 

und niemand ginge, 

einmal zu schauen, 

wohin man käme, 

wenn man ginge. 

                       Kurt Marti 


…ein Weg im herbstlichen Nebel, was dahinter liegt, wird sich zeigen… 

Da liegen die Blätter.

Sie haben vereiste Ränder und nachgezeichnete Rippen.

Und wenn die Sonne scheint, geben sie noch einmal alles und leuchten mit dem Rest ihrer bunten Farben.

Das ist ein Versprechen.

Im Frühjahr kommen wir wieder!

Achte auf das Gehen,

während du gehst,

und auf das Sitzen,

wenn du sitzt.

Gerade die sogenannte graue Jahreszeit ermuntert mich,

auf meinem Weg genauer hinzuschauen, 

achtsam zu sein 

für unscheinbarste Veränderungen im Grau,

für Natur, die sich zurückgezogen hat,

ohne zu verschwinden.

 

 

Das Leben bringt viele Umwege mit sich. 

 

Die Kunst besteht darin, dabei die Landschaft zu bewundern. 

 

Wenn wir das Wunder

einer einzigen Blume

klar sehen könnten, 

würde sich unser

ganzes Leben ändern.

 

                                  Siddhartha Gautama

Die letzten Meter zum Kreuz auf dem Haarberg.

Von dem kleinen Podest aus, auf dem das weithin sichtbare Kreuz seit 1971 steht,

hat man einen weiten Blick rundum,

vor allem auf Aachen und die Eifel.

Man könnte hier sagen, dass der Weg durch den Tunnel zu einer besseren Aussicht führt. 

Auch einen gewissen Anstieg muss man in Kauf nehmen,

weiter vorn sticht die Sonne –

der Ausblick lohnt.

Winterliche Stimmung an der Friedenskapelle oben am Berg.

Die einsame Bank ist kalt geworden. Sie steht nur ein paar Schritte vor der großen, sonnigen Aussichtsterrasse. 

Man schaut ins Gebüsch gegenüber. 

Die Gemeinde hat auch hier an den Mülleimer gedacht. 

Wer sich da niederlassen mag?

Es wird jemand sein, der in Stille und ohne Ablenkung den Gedanken weiter nachhängen will, die sich beim Aufstieg eingestellt haben mögen.

Da will man nicht stören.

Ein erstes kreuzartiges Bauwerk wurde 1891 von einem dankbaren Mitbürger gestiftet und auf der damals kahlen Kuppe des Haarbergs errichtet.

Ein maßstabsgetreues Modell (1:10) findet man in der Haarbachtalstraße vor dem Seniorenheim.

Es stand bis 1944 auf dem schwer umkämpften „crucifix hill“, wie ihn die Amerikaner nannten.

Ein einfaches Holzkreuz wurde 1947 errichtet und mußte schon 1954 erneuert werden.

1971 errichtete die damals noch selbstständige Gemeinde Haaren das Kreuz in der heutigen Form als Stahlkonstruktion.

Die Stiftung eines Haarener Bürgers machte  die Errichtung der Friedenskapelle auf dem Haarberg erst möglich.

1969 wurde sie eingeweiht und sollte am Ort eines im Weltkrieg lange umkämpften Abschnitts  zugleich erinnern wie mahnen.

Im Hintergrund der Turm der Nachbargemeinde St. Severin,  die schon länger, seit 1293, besteht.

Das heutige Gebäude allerdings erst seit 1864.

Immerhin.

 

 Hier oben, nahe am Aussichtspunkt, wachsen Birken und Brombeerhecken.

Letztere verhindern, dass die Reste der Natur übermässig beansprucht werden, sie sind undurchdringlich –

und verbergen vieles.

 

 Oben, schon in der Nähe des Kreuzes, findet man in der Silvesternacht einen einsamen Aussichtspunkt mit Blick über die Stadt.

Und einige Meter weiter eine lärmende Schar von Sprengmeistern, die ihre Munition mit Autos ins Schutzgebiet gefahren hat.

Und am nächsten Tag die Reste.

Was vom Feiern übrigblieb, hat der Wind mitgenommen.   

Oder er tut’s noch.

 

 Im Winter ist es hier oben ruhig.

Von der nahen Stadt hört man nichts.

Und wenn man diesen Blick beibehält,

will man schnell übersehen,

wie sehr dieses Stückchen Natur von Ansiedlungen,

Autobahnen,

Gewerbegebieten

und anderem mehr

umzingelt ist.

Einige schöne Streuobstwiesen hat man

in den letzten Jahren rund um den Haarberg angelegt.

Ganz früher stand da einmal Eichenwald,

und früher auch mal nichts mehr.   

Die arme Gemeinde brauchte und verbrauchte ihr Holz.

So ist es besser.

 

Ab Frühling sitzt hier Mancher zufrieden in der Sonne,  die frischen Wiesen und Obstbäume vor sich, die Stadt mit ihren Türmen und dem Lousberg gegenüber, die Eifel in der Ferne. 

Vögel, Insekten, vielleicht ein paar Stücke Vieh weiter unten.

Es ist ruhig hier.

Manchmal kommt jemand vorbei, 

aber nur selten. 

Schöne Aussichten.

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,

dass er tun kann, was er will,

sondern, dass er nicht tun muss,

was er nicht will.

                      Jean  Jacques Rousseau

Dem kann ich mich nur anschliessen,

das ist die Freiheit meiner neuen Lebensphase.

Das Leben ist kein Problem,

das es zu lösen,

sondern eine Wirklichkeit,

die es zu erfahren gilt.

                               Buddha

Auf längeren Spaziergängen wird der Verstand oft auf angenehme Weise leer.

Man trottet vor sich hin, zufrieden mit sich und der Welt.  Bückt sich nach einer Blume, bewundert ein buntes Blatt.

Das ist genug.

So etwa.

 

… ein idyllischer Blick auf die Nachbargemeinde mit dem südlichen Rand des Aachener Talkessels.

Über Streuobstwiesen und Bäume überblicke ich eine Landschaft, die natürlich erscheint, es aber an keiner Stelle ist.

 

Es stört mich nicht – auf meinem Weg.

Zwei auf gewundenem Weg.   

Zu diesem Bild  fällt mir manches ein.   

Und die jahreszeitlich trübe Stimmung macht durchaus auch trübe Gedanken.   

Aber es steckt ja ein zweites Bild darin: Hinter dem Horizont – geht es weiter.   

Das stimmt mich wieder heiter. 

… wenn ich mir – neben Katze und Hund –

ein Tier ausdenken sollte,

das mir draußen immer und überall begegnet,

dann ist es die Ente, die manches Gewässer in der Umgebung überdüngt hat.

Unzählige Tierfreunde entsorgen tütenweise geeignete Speisereste und verschaffen diesem Tier ein überaus angenehmes Leben.

Wenn man nur nicht dauernd mit dem Bauch im kalten Wasser sein müßte – man könnte fast neidisch werden.

Diese Anmut, diese Kraft,

diese kaum verhüllte Leidenschaft

… ein Jogger, durchgelockert von den Knien bis in die Handgelenke.

Was treibt ihn heraus?

War es der Leib, der sich im Homeoffice in Gürtelhöhe lästig rührte?

Die häusliche Enge?

Stolzer Überlebenswille?

Man weiß es nicht.

Und wüsste es doch manchmal gerne.

Ich fühle mich bei diesem Bild in eine Heidelandschaft versetzt.

Es ist Sommer, 

heiß, 

die Insekten schwirren,

und alles ist voller Kraft und Lebensfreude.

 Zu mancher richtigen Entscheidung kam es nur,

weil der Weg zur falschen gerade nicht frei war. 

                                                   Hans Krailsheimer

 

Das Schicksal ereilt uns oft auf Wegen,

die man eingeschlagen hat, um ihm zu entgehen.   

                                                   Jean de la Fontaine    

 

Stimmt.   

Beides.   

Und man muss dankbar sein, 

dass man nun in dem Alter ist, 

darüber gelassen und heiter gestimmt

simelieren zu können.

Da stehe ich nun. Im Hof der alten Mühle.

Hier bin ich losgegangen, hier endet vorläufig mein Weg. Die alte Tür ist zugemauert, ein Mühlstein scheint davonzurollen. Patina, wohin man schaut.

Es wirkt wie ein Abschluss.

Ist aber keiner.

Denn um die Ecke ist der neue Eingang, die neue Funktion des Gebäudes als Begegnungsstätte, Bibliothek und Forscherstube. Und so sammele auch ich meine Bilder ein, breite sie vor mir aus und weiß:

es gibt so viel zu tun …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Bilder:                   www.LDo21.de

                                             www.blende-kreativ.de

Weitere Bilder und Texte: www.kleinerlei.de

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